Reich zu sein entspringt dem puren Zufall ...

... so sagt es Ugo Bardi in seiner aktuellen Veröffentlichung!

 

Uns ist es wichtig dieses Thema aufzugreifen, da viele Menschen sich als Versager und Verlierer fühlen, wenn sie trotz intensivster Bemühungen keinen finanziellen Durchbruch erreichen. Gesellschaftlich sind wir so geprägt, dass der Zufall gar keine Rolle spielt, sondern Erfolg rein von dem abhängt, was man selber dazu beitragen kann. Beharrlichkeit, Durchhaltevermögen sind bestimmt dienliche Eigenschaften, aber ohne Glück (Zufall) ist es nicht zu schaffen. So stellt es sich zumindest für die Mehrheit dar, die nach Ugo Bardis Vergleich anderen physikalischen Gesetzen unterliegen als der geringe Prozentsatz der Reichen. Das "Erfolgsrezept" der Reichen ist nicht eins zu eins auf die Mehrheit der Bevölkerung übertragbar. Der Zufall hat sie in ihre Position gebracht und sind sie dort angekommen, ändert sich für sie das physikalische Gesetz, dann ist es kaum noch Zufallsbestimmt, sondern hauptsächlich Strategie und ihre Art der Vernetzung, dass sie reich bleiben!

 

Wir möchten allen Menschen, die an sich zweifeln, die dem Burnout nahe oder gar in Depressionen verfallen sind, ans Herz legen, den nachfolgenden Auszug aus Ugo Bardis akuteller Veröffentlichung zu lesen.

  

Wer sich für das Hauptthema des Buches, wie man mit Zusammenbrüchen umgehen kann, interessiert, findet hier eine Zusammenfassung einiger wichtiger Punkte. Im Fokus stehen wirtschaftliche Systeme, die Erkenntnisse zum Umgang mit Zusammenbrüchen sind aber auch auf das eigene Leben übertragbar.

 

Auszug aus "Der Seneca Effekt - Warum Systeme kollabieren und wie wir damit umgehen können" aus dem Kapitel: Was ist „Geld“ überhaupt?

 

S. 108 ff.

...

 

Aber wie ist die Existenz exponentieller Einkommensverteilung zu erklären? Dazu können wir zunächst das „Boltzmann-Game“ heranziehen, das von Michalek und Hanson entwickelt wurde, um Studenten statische Thermodynamik nahezubringen. Offenbar hatten sie nicht vor, ein Wirtschaftssystem zu simulieren, vielmehr wurde das Spiel erdacht, um den Studenten das Konzept der Entropie (https://www.youtube.com/watch?v=VWP-MLjxAnU) verständlich zu machen. Aber man kann das Spiel als Wirtschaftssimulation im Kleinen betrachten. Es wird von mehreren Studenten ausgeführt, die in Zufallspaaren „Stein, Schere, Papier“ spielen. Jeder Student beginnt das Spiel mit einem Dollar oder einer Spielmarke, die einen Dollar symbolisiert (wenn jeder zu Beginn mehr als eine Spielmarke erhält, bekommt man dasselbe Ergebnis, aber es dauert länger, bis sich die Verteilung stabilisiert). Bei jeder Interaktion erhält der Gewinner einen Dollar vom Verlierer, sofern der Verlierer mindestens  einen Dollar besitzt (negativer Wohlstand oder „Schulden“ sind in dem Spiel nicht erlaubt). Nach einer Reihe von Interaktionen erreicht das Spiel einen Zustand annähernder Stabilität oder Homöostase. An diesem Punkt stellt sich heraus, dass einige Studenten mehrere Münzen gesammelt haben: Sie sind nun die Reichen, während die meisten gar keine Münzen mehr haben, also arm geworden sind.

 

Das Interessante dabei ist, dass die Wohlstandsverteilung, die sich aus dem Spiel ergibt, der „Boltzmann-Gibbs-Verteilung“ entspricht, die entwickelt wurde, um die Entropie in atomaren Systemen zu beschreiben. In mathematischer Form wird sie als exponentiell absteigende Funktion dargestellt. Mit anderen Worten, die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ein gewisses Wohlstandsniveau erreicht, ist proportional zu „e“ (die Basis natürlicher Logarithmen) nach einem negativen Exponenten, der zum Wohlstand selbst proportional ist. Und genau diesen Sachverhalt stellten Yakovenko und seine Mitarbeiter für den größten Teil der Einkommensverteilung in der realen Welt fest.

 

Diese Verteilung ist gegenüber anderen weder durch größere Stabilität begünstigt noch wurde sie von den Spielern bevorzugt. Sie ist nur deshalb wahrscheinlicher, weil sie auf vielen unterschiedlichen Wegen erreicht werden kann. Zur Erläuterung: Stellen Sie sich vor, Sie möchten, dass in einem Spiel absolute Gleichheit herrscht. Es existiert nur eine Konfiguration der Gruppe, die diese Eigenschaft aufweist, wenn jeder Student genau eine Münze besitzt. Jetzt bedenken Sie die Situation, in der ein Student keine Münze, ein anderer zwei Münzen und alle anderen eine Münze haben. Es gibt viele Möglichkeiten, wie die Gruppe dieses Merkmal gewinnen kann, je nachdem, wer die zusätzliche Münze besitzt und wer die seine verloren hat. Berechnet man die Zahl der Konfigurationen für jede mögliche Verteilung, stellt sich heraus, dass sich für die exponentielle Verteilung die größte Zahl ergibt; also ist mit ihr am häufigsten zu rechnen. Das Spiel maximiert die Entropie, so wie es die Boltzmann-Gibbs-Verteilung vorhersagt. In diesem Spiel herrscht ebenso wie in der realen Welt die Entropie.

 

Yakovenko kommt für das reale Spiel zu demselben Ergebnissen, wir man sie mit dem Boltzmann-Spiel erhält. Seine Resultate fasst er mit der Aussage „Money, it’s a gas“ aus einem Song von Pink Floyd zusammen, und das bedeutet, Geld folgt derselben Verteilung, wie sie sich bei der kinetischen Energie von Gasmolekülen zeigt. Die Übereinstimmung ist nicht exakt, weil reale Gase einer ähnlichen, aber eben auch einer etwas anderen Verteilung folgen, der sogenannten „Maxwell-Boltzmann-Verteilung“, und der wahrscheinlichste Zustand eines Gasmoleküls besteht darin, etwas mehr als null Energie zu besitzen.

 

Das liegt daran, dass Geld und physikalisches Gas zwei Paar Schuhe sind, insbesondere weil Einkommen eine skalare Größe ist, während das Moment eines Gasmoleküls ein Vektor ist. Wenn wir aber nicht das Einkommen von Individuen, sondern von Familien betrachten, stellen Yakovenko und seine Mitarbeiter fest, dass die Verteilung eine Spitze aufweist, wie wir sie aus der Alltagserfahrung erwarten würden, und das ist bemerkenswert. In den meisten Gesellschaften ist der wahrscheinlichste Zustand, in den eine Familie geraten kann, die Armut, aber nicht, dass ihr Einkommen bei null liegt.

 

Es ist hochinteressant, dass die Thermodynamik die Einkommensverteilung in der realen Welt beschreibt, aber das ist noch nicht alles. Wie bereits erwähnt, haben Yakovenko und seine Mitarbeiter festgestellt, dass die Boltzmann-Gibbs-Verteilung nicht für die Gesamtbevölkerung gilt, sondern nur für rund 97 Prozent. Die reichsten 3 Prozent der Bevölkerung folgen stattdessen einer anderen Statistik, nämlich einem Potenzgesetz. Dass dieser Unterschied existiert, wird durch die Daten bestätigt, welche die Zeitschrift Forbes seit 1987 über das Vermögen der Milliardäre der Welt veröffentlicht, deren Zahl inzwischen bei rund 2000 Personen liegt. Diese Daten sind besonders interessant, weil sie sich nicht auf das Einkommen, sondern auf das tatsächliche Vermögen beziehen. Dieser Parameter kann nur gemessen werden, indem man die Reichen der Welt direkt befragt, wie reich sie sind. Wir könnten bezweifeln, dass sie die Wahrheit sagen, aber offensichtlich lügen sie nicht, denn es zeigte sich, dass die Vermögensverteilung bei Milliardären, in Übereinstimmung mit Yakovenkos Ergebnissen, einem „Potenzgesetz“ (oder einer Paretoverteilung) folgt.

 

Die Reichen können offenbar sogar der Entropie trotzen, denn sie folgen einer Vermögensverteilung, die deren Auswirkungen ignoriert.

 

Aber was genau macht eine Person reich oder arm? Eine interessante Eigentümlichkeit des thermodynamischen Verteilungsmodells ist, dass reich zu sein dem puren Zufall entspringt;  „Stein, Schere, Papier“ ist kein Geschicklichkeitsspiel (ebenso wenig wie das 2. Gesetz der Thermodynamik!). Zweifellos zählen im realen Berufsleben Können und Charakterstärke, aber richtig ist auch, dass die meisten Reichen aus reichen Familien stammen. Wie Sie sich denken können, ist die Idee, dass Reichtum ererbt und nicht verdient wird, bei den Reichen unbeliebt, aber aus irgendeinem Grund gehören sie zu den aktivsten Gegnern einer höheren Erbschaftssteuer. Offenbar ist es also doch Glückssache, ob man reich oder arm ist.

 

Das erklärt aber noch nicht, warum die Reichen allem Anschein nach in ihrer eigenen Welt leben, in der die Gesetze der Thermodynamik nicht gelten. Vielleicht finden wir eine Antwort auf diese Frage, wenn wir die Entwicklung hochvernetzter Systeme betrachten, das heißt Systeme, in denen jeder Knoten mit mehreren anderen Knoten verbunden ist. Die Boltzmann-Gibbs-Statistik kann man so auffassen, dass sie für ein „lückenloses“ Netz gilt, und zwar in dem Sinne, dass jedes Molekül mit jedem anderen wechselwirken kann. Wahr ist aber auch, dass zu jedem beliebigen Zeitpunkt ein Molekül mit keinem anderen Molekül wechselwirkt oder allenfalls nur einem anderen Molekül in eine Wechselwirkung tritt, die man in der Physik „paarweise“ nennt.

 

In einem Gas stoßen Moleküle aneinander und entfernen sich dann, nachdem sie etwas kinetische Energie ausgetauscht haben. Wie allgemein bekannt ist, haben Gase keinen Phasenübergang; nur Feststoffe (oder, seltener, Flüssigkeiten) zeigen Phasenübergänge. Ähnliches gilt für die wirtschaftlichen Interkationen, mit denen wir in der Regel zu tun haben: Wir bekommen unser Gehalt oder Einkommen von einem Arbeitgeber und wir geben es in Geschäften aus, in denen wir Dinge kaufen;  und unsere Steuern zahlen wir an den Staat. Dies sind größtenteils paarweise Wechselwirkungen, so wie bei Molekülen in einem Gas, und es überrascht nicht, dass die resultierende Verteilung ähnlich aussieht. De Reichen sind offenbar viel vernetzter als die Armen und ihre zahlreichen Verbindungen ermöglichen es ihnen, weit mehr Gelegenheiten zur Geldvermehrung zu entdecken und zu nutzen, als uns Normalsterblichen offen stehen. Also spielen sie in Wirklichkeit gar nicht das Boltzmann-Spiel, sondern etwas völlig anderes. Ob diese Beobachtung die festgestellte Einkommensverteilung erklärt, bleibt zu beweisen, aber sie zeigt, wie wichtig Netzwerkfaktoren in unserer Welt sind.

 

Nun stellt sich aber immer noch die Frage, warum die Einkommensverteilung zur Zeit Paretos Ende des 19. Jahrhunderts so ganz anders aussah als heute. Was ist geschehen, dass wir nun keine reine Paretoverteilung mehr beobachten, sondern einen Mix aus Pareto- und exponentieller Verteilung? An diesem Punkt möchte ich eine Erklärung vorschlagen, die die allmähliche Monetarisierung der Gesellschaft berücksichtigt, die in den letzten 100 Jahren stattgefunden hat. Es mag durchaus sein, dass die meisten Menschen, die im 19. Jahrhundert ein Einkommen hatten, ebenso gut vernetzt waren wie die Reichen von heute. Inzwischen kommen Angestellte, die hauptsächlich in paarweise Wechselwirkung treten, wohl sehr viel häufiger vor. Es kann also sein, dass im Lauf der Zeit eine Art finanzieller Phasenübergang stattgefunden hat, bei dem etwas Geld von den Reichen „sublimiert“ und zu den Armen verschoben wurde, eine Deutung, die sich mit dem Trend zu geringerer Ungleichheit deckt, der im vergangenen Jahrhundert die Regel war. Wenn sich die Zeiten ändern und der Trend sich umkehrt, könnten die Reichen wieder ihre einstigen 100 Prozent der zu verteilenden Summe zurückerobern, während die Armen völlig mittellos wären – womöglich als Folge der „Negativzinsen“, die heutzutage in Mode sind. Aber diese Überlegungen sind derzeit völlig spekulativ.

 

Scott Fitzgerald soll einmal gesagt haben: „Die Reichen sind anders als du und ich“ oder „Die Reichen sind anders als wir“. Worauf Ernest Hemingway erwiderte: „Ja, sie haben mehr Geld.“ Aber vielleicht war Fitzgerald auf etwas gestoßen, dass der Physiker Yakovenko erst viel später beweisen sollte: Der Unterschied zwischen den Reichen und den Armen besteht nicht nur darin, wie viel Geld sie haben. Sondern darin, wie sie vernetzt sind. ...

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Bettina Knierim (Montag, 05 Februar 2018 14:25)

    Ein ebenfalls interessanter Artikel zu der Thematik: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arm-und-reich/erfolg-durch-zufall-der-leistungsmythos-14333152.html